Betrifft Kinder

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Über Geschmack soll man nicht streiten, sagen die einen. Geschmack wird erlernt, sagt der Hirnforscher Manfred Spitzer. Was stimmt?
Wie können wir Kinder zu Menschen mit Geschmack und zu gesunder Ernährungsweise erziehen? Wie kann sich kulinarische Offenheit und damit ein gesunder Bezug zu unserem Essen entwickeln?
Dr. Johanna Pareigis regt zum Nachdenken an und kocht Kürbissuppe.

Lina, Yannick, Anna und Victor frühstücken zusammen im Kindergarten und zwei Jahre später in der Schule. Die Brotdosen werden geöffnet. Die Blicke wandern über die Schulter des Nachbarn und in dessen Allerheiligstes, in den Intimbereich des persönlichen Geschmacks. »Was ist das denn?« fragt Yannick mit hochgezogener Nase, als er Victors Frühstückbrot riecht. »Chorizo, scharfe Salami mit Chili«, verkündet Victor, der seit Wochen nichts anderes auf seinem Brot toleriert. »Iiih! Das mag ich nicht«, sagt Yannick. »Hast du Chorizo denn schon mal probiert?« kontert Victor. »Nee«, gesteht Yannick ein. »Dann kannst du doch gar nicht wissen, wie sie schmeckt«, stellt Victor fest.
Annas Brotdose ist randvoll mit Zimties gefüllt, kleine Frühstücks-Flocken, außen aus knusprig aufgepufftem Teig, innen mit sehr süßer Nuss-Nougat-Creme gefüllt. Anna isst die kleinen Kissen mit den Händen und ohne Milch. Linas Blicke wandern neidvoll von ihrem eigenen Vollkornbrot zu Annas Frühstück. »Anna hat Zimties mit!« ruft sie.
Die anderen Kinder kommen, gucken und betteln, mindestens mit den Augen. »Krieg ich welche ab, Anna?« fragt Yannick. »Ich auch?« »Ich auch?«
»Die sind echt ungesund!« verteidigt Lina ihr Vollkornbrot, aber ihr Blick bleibt auf den Zimties haften. »Ist doch egal! Meine Mama tut mir in die Dose, was ich mag«, setzt sich Anna zur Wehr, »und ich geb nix ab. Finger weg!« Sie verscheucht die fremden Finger aus ihrer Brotdose. Ein Glaubenskrieg ist entbrannt!
Das Vollkornbrot wird Lina bis zum Mittagsessen satt machen. Anna wird schon vorher stechenden Hunger verspüren. Aber Lina ist nicht zufrieden. Es ist nicht allein das gesunde Vollkorn, das den Hunger stillt.



Was ist gesund?

Szenen, wie die oben geschilderten sind nicht erfunden. Sie finden ständig im Alltag unserer Kinder statt. Erwachsene bekommen diese kleinen oder großen Gefechte oft nicht mit, denn sie sind nicht dabei, wenn die Kinder ihr zu Hause vorbereitetes Frühstück einnehmen.
Echten Hunger kennt hierzulande kaum ein Kind, und wir kennen kaum hungrige Kinder. Denn Hunger aus Not gesteht in unserer Gesellschaft kaum jemand ein. Also gibt es für Kinder zwei Streitpunkte beim Essen: den Geschmack und die Gesundheit.
Die Gesundheit ist ein moderner Bildungsinhalt. Eltern erzählen den Kindern, was gesund sei: nichts zwischen den Mahlzeiten essen oder viele kleine Zwischenmahlzeiten einnehmen, der Apfel, der Kinder-Joghurt »Fruchtzwerg« – bunt, künstlich, teuer und mit viel Zucker –, die »Milchschnitte« mit angeblich extra viel gesunder Milch oder die »Zimties«. Von morgendlicher Zeitnot, von Geldsorgen, von Bequemlichkeit und Gewissensbissen erzählen die Erwachsenen nicht.
Die Kinder merken sich diese Lebensmittel und ihre »Botschaften« genau. Die Sorgen der Eltern spüren sie vielleicht unbewusst. Aber sie wissen, dass in ihrem Essen die Meinung und die Zuneigung der Mutter oder des Vaters stecken, des Erwachsenen, der die Nahrung zubereitet hat. Sie wollen ihn nicht enttäuschen und schon gar nicht bloßstellen, indem sie seine Bemühungen ablehnen. Natürlich hat die eigene Mutter mit der Auswahl der Nahrung Recht!!! Auf irgendetwas muss man sich als Kind doch verlassen können…



Was sollen wir essen? Was wollen wir essen? Was macht uns satt?

Wichtig ist die Frage, wie wir Informationen zu unserer Ernährung einholen und Erfahrungen ermöglichen, sowohl für die Kinder als auch für uns selbst. Dahinter steckt ein grundsätzliches Problem der Informationsbeschaffung in unserer Gesellschaft: Viele Menschen geben mehr auf allgemein gültige und bequeme Meinungen, häufig durch die Werbung geprägt, als auf ausgewogene Recherche oder kultivierte Diskussion. Hinzu kommen die Mühen der eigenen Meinungsbildung und das unsichere Vertrauen in die eigenen Sinne und das eigene Urteilsvermögen. Diese Art der »Bildung« beginnt weit vor der Einschulung. So entsteht die Frage danach, was wir heutzutage essen sollen und wollen.
Wie können wir den Geschmacksinn der Kinder und ihren Sinn für Objektivität als Grundlage fundierter eigener Meinungsbildung schulen? Wie können wir Kinder zu selbstständig und bewusst entscheidenden Menschen erziehen, die ihre Ernährung gut auswählen und stark genug sind, um Sucht oder Gewalt zu widerstehen? Was ist gut? Was brauchen wir heute, um satt zu werden? Was macht uns satt im Sinne von »befriedigt« und »zufrieden«? Was können wir tun, um »zu Frieden« zu sein?



Vom Korn zum Brot – vom Brot zum Zorn

In den Lehrplänen der Grundschule gibt es im Heimat- und Sachkundeunterricht für die erste oder zweite Klasse das Thema »Vom Korn zum Brot«. Die Kinder sollen Getreidesorten auseinander halten können und lernen, woher ihr Grundnahrungsmittel Brot kommt. Im Klassenraum stehen die Kornähren in einer Vase. Die Kinder malen sie auf kopierten Vorlagen aus. Vielleicht backen sie gemeinsam ein Brot. Aber den Teig haben oft die Mütter oder Lehrerinnen vorbereitet. Es dauere zu lange, alles gemeinsam zuzubereiten, heißt es. Dabei ist es gerade der schönste Teil, den Teig gehen zu sehen und ihn zu kneten, kneten, kneten…
Vielleicht kommt auch eine Gesundheitserzieherin von »Klasse 2000« vorbei. Dieses Sucht- und Gewaltvorbeugungsprogramm des Lions-Clubs will bundesweit das Selbstbewusstsein der Kinder fördern. Schulfremde Personen kommen in den Unterricht und vermitteln mit relativ hohem Materialaufwand, was die menschliche Lunge leiste, oder kleben mit Fensterbildern auf glatten Arbeitsbögen nach, welchen Weg das Essen durch den Körper nimmt. Die Fensterbilder schaffen es bis zu den Schulkindern nach Hause. Nun schränken sie die Aussicht aus dem Kinderzimmer-Fenster ein.
Aber die nächste Frühstückspause in der Schule kommt bestimmt. Die Brotdosen werden geöffnet und die anfangs beschriebenen Szenen wiederholen sich: Neid auf das Frühstück des Mitschülers, Tag für Tag.
Welcher Lehrer schaut in die Brotdosen? »Wie’s drinnen aussieht geht niemanden etwas an!« Der Brotdoseninhalt ist Privatsache, ist Erziehungssache, ist Elternsache, »nicht Sache der Schule«. Wissen die Kinder jetzt mehr? Ist ihnen so geholfen?



»Das isst Oliver sowieso nicht!« – angewandte Kürbiskunde

Es scheint nicht einfach, in unserer Gesellschaft »satt und zufrieden« zu sein. Übersättigt sind viele Kinder mit Spielzeug, Süßigkeiten, mit Ablenkung und Kurzweil oder durch die Behütung der modernen Mütter, die alle Risiken berücksichtigen. Die Kinder langweilen sich, denn sie hungern nach Herausforderung, nach Risiko, nach Neuland und Abenteuer. Sie wollen sich beweisen, aber sie sind verplant.
Für viele Kinder ist Ernten Neuland und Abenteuer. Am besten das, was man selbst gesät hat. Danach gemeinsam eine Mahlzeit kochen, zusammen essen und hinterher aufräumen. Was braucht man dazu? Vor allem Zeit, ungefähr drei Stunden.
Zehn Kinder – vier bis sechs Jahre alt – stürmen in meinen Garten. Hier wachsen jedes Jahr Kürbisse, damit wir sie ernten können. Nachdem sie ihren Sohn verabschiedet hat, sagt Olivers Mutter hinter vorgehaltener Hand zu mir: »Die Kürbissuppe, die ihr kochen wollt, wird er sowieso nicht essen.«
Zwei Kinder wollen den Kürbis abschneiden. Sie erkennen nicht, wo die dicke Frucht, die botanisch zu den Beeren zählt, an der Mutterpflanze angewachsen ist. Doch sie schaffen es, den harten Stängel mit der scharfen Rosenschere zu durchtrennen und den 10 Kilogramm schweren Kürbis aus dem Beet zu heben.
Im Garten gibt es nun eine kleine Kürbiskunde: Was können Kürbisse? Wo kommen sie her? Was macht man aus ihnen? Die Kinder probieren geröstete Kürbiskerne, mit und ohne Schale. Sie spielen Chekeré, ein Rhythmusinstrument aus einem Kalebassenkürbis, der mit einem Perlennetz umspannt ist. Sie befühlen den Luffa-Schwamm, der aus der Schwammgurke hergestellt wird und mit dem man unter der Dusche die Haut schön schrubben kann. Sie staunen, dass Gurke, Melone, Zucchini und Kürbis zur Pflanzenfamilie der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae) gehören.
Dann wird der Kürbis zerteilt. Das kostet Kraft und macht Mühe. Das Messer muss groß, stabil und scharf sein. Als das erledigt ist, können wir Kürbissuppe kochen.
»Ich helfe mit! Ich will mal Koch werden!« Ausgerechnet Oliver ist aufgesprungen und kommt gleich mit in die Küche. Er schneidet und rührt und passt auf, dass nichts anbrennt.
Zum Schluss gibt es ein Picknick im Garten. Die Teller werden mit Kürbissuppe gefüllt. Bei einigen Kindern sehe ich lange Gesichter. »Das mag ich nicht!«
Ich erkläre unsere Probierregel: »Du musst alles probieren, aber du musst es nicht hinunterschlucken. Wer das Probierte nicht mag, darf es auf seine Serviette ausspucken.«
Was man nicht probiert hat, kann man auch nicht beurteilen. Das gilt nicht nur für Kürbissuppe, sondern für Vieles im Leben, wenn auch nicht für alles…
Die Kinder probieren die Suppe und essen dazu knuspriges Fladenbrot. »Die Suppe schmeckt gut!« strahlt Oliver. Er hatte noch nie Kürbissuppe probiert.
Als die Kinder satt sind, räumen wir auf und waschen ab. Die Kürbissamen nehmen die Kinder zum Aussäen im nächsten Frühjahr mit nach Hause.
Beim Abholen staunt Olivers Mutter nicht schlecht, als er erzählt, wie gut ihm die Kürbissuppe geschmeckt hat.



Literatur
Ibbs, K./Shooter, H.: Kochschule für Kids. Leckere Rezepte aus der ganzen Welt. München 2005
Pareigis, J.: Anleitung zum Forscher sein – Weltwissen und Naturwissenschaft für junge Kinder und Erwachsene. Das Buch erscheint im Spätsommer 2007 im verlag das netz, Weimar und Berlin
Spitzer, M.: Lernen – Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg 2002
Wilkes, A./Rothenburg, K.-H. von: Kinderkochbuch. So lernst du kochen – Schritt für Schritt. München 2005



 

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